Warum wir dick sind - Teil 3
Kann es denn also Gründe dafür geben, dass man Übergewicht unverschuldet bekommt – ähnlich einer Grippe? Kann Übergewicht also ansteckend sein? Und ist vielleicht doch ein nachlässiger Charakterzug in den meisten Fällen Grund des Übels?
Teil 3 unserer Artikelserie "Warum wir dick sind".
Gibt es nun denn die "adipöse Persönlichkeit", also typische Charaktereigenschaften, die bei Dicken häufiger als bei anderen vorkommt?
Hierzu ein Auszug aus einem Kompendium zu Adipositas von Frau Prof. Dr. Elisabeth Ardelt-Gattinger:
"Die Ergebnisse der intensiv betriebenen Forschungen über Zusammenhänge (vgl. u.a. Frost et al 1982) zwischen psychischen Komorbiditäten, Persönlichkeitsmerkmalen und Ess- bzw. Gewichtsproblemen fanden in der Öffentlichkeit, aber auch bei professionellen Helfern ebenso wie die Risikomodelle der „second generation studies“ wenig Beachtung (vgl. u.a. Friedman & Brownell 1995). Die differenzierten Sichtweisen stimmen alle dahingehend überein, dass Adipöse keine einheitlichen Persönlichkeitszüge aufweisen. Auch Vorstellungen über “Frühstörungen”, die zum Überessen führen, treffen nicht häufiger zu als bei Normalgewichtigen, wohl gibt es aber Unterschiede in der Verarbeitung der Stigmatisierung, die aber noch nicht hinreichend untersucht sind (vgl.u.a. Friedman & Brownell 2002)
Das häufig in populärer Literatur genannte „sich einen Panzer essen“, das auch mit überzufällig häufigem sexuellen Mißbrauch in Zusammenhang gebracht wird, hatte bei unserer Untersuchung von etwa 800 adipösen Personen (vornehmlich Frauen) ebenfalls keinen relevanten Stellenwert (Ardelt-Gattinger et al. 2000, vgl. auch Amann & Wiplinger 2000).
Unklar war bisher auch, welche psychischen Störungen Adipositas begünstigen und welche Folge der Krankheit sind. Ca. 25-30% der Menschen mit einem BMI > 40 weisen psychische Störungen auf (vgl.u.a. Ardelt-Gattinger et al. 2000a) – was etwas über der normalen Prävalenzrate (ca.20%-25%) liegt (vgl.u.a. Baumann & Perrez 1998). Depressionen, Ängste etc. sind im allgemeinen nicht Ursache der Krankheit, sondern Folgen der Diskriminierung (Wadden & Stunkard 1985).
Die Vorstellung des „typisch faulen, willensschwachen“ adipösen Kindes oder Erwachsenen ist ebenso falsch wie verbreitet und in der Prävention und Therapie kontraproduktiv. Sie trägt lediglich zu den Regelkreisen von Depression und Frustessen bei. Adipositas ist eine Indikation für Training auf der Basis der Verhaltenstherapien. Unspezifische Psychotherapien führen - unabhängig von ihrem psychischen Heilungseffekt - im allgemeinen nicht zur oft lebensnotwendigen Gewichtsabnahme (vgl.u.a. Sobal & Stunkard 1989)."
Es muss also weitere Gründe geben abseits diskriminierender Allgemeinvorstellungen, die beim Einzelnen zur Ausbildung von Übergewicht führen.
So mehren sich aktuell Erkenntnisse umeine Infektion mit Viren bei übergewichtigen Menschen. Gemeint sind Adenoviren.
So wurde ein Vertreter dieser Virengruppe (Ad-36) bei Fettleibigen - und gerade auch fettleibigen Kindern - schon häufig nachgewiesen. Ob nun eine Infektion mit diesem oder einem anderen Virus ursächlich für die Fettleibigkeit ist, oder erst mit der Fettleibigkeit eine Bereitschaft zur „Besiedelung“ dieser Viren entsteht, ist aktuell nicht vollends gesichert. Im Tierversuch legten jedoch Hühner oder auch Mäuse nach einer Infektion mit dem Virus etwa 70% mehr Speck an, so dass eine ursächliche Beteiligung an der Entstehung von Übergewicht naheliegt. Auch sind Kinder mit Nachweis einer abgelaufenen Infektion grundsätzlich dicker, als dicke Kinder ohne einen solchen Nachweis.
Nicht das erste Mal in der Medizingeschichte könnte so eine Krankheit (zum Teil) durch eine Infektion erklärt werden, die z.B. einem unstetem Lebensstil oder der Psyche angelastet wurde. Als Beispiel sei hier z.B. das Magengeschwür genannt, bei dem mittlerweile bekannt ist, dass ein Helicobacter genannter Keim wesentlicher Mitverursacher ist.
Am Menschen ist eine kausale Kette aber noch nicht gänzlich belegt, für das Virus Ad-36 steht eine vorwiegende Beteiligung bei einer bestimmten Form der Fettverteilungsstörung im Vordergrund. Eine Behandlung oder Impfung gegen solche vermeintliche (zumindest) Mitverursacher von Übergewicht steht demnach in einiger Zeit zwar ggf. in Aussicht, aktuell existieren aber keine Therapiemöglichkeiten.
Im Dezember 2010 erschien im Fachmagazin Nature ausserdem eine Studie mit der Beschreibung eines möglichen Schalterproteins für die Fettverbrennung. Dieses Protein nennt sich Crtc3 und beeinflusst möglicherweise sog. adrenerge Rezeptoren im Fettgewebe und damit u. a. das Ausmaß der möglichen Fettverbrennung (Lipolyse). Der genaue Mechanismus ist bislang noch nicht geklärt, jedoch ist dieser Signalweg offenbar auch bei adipösen Menschen gestört bzw. unterbrochen. Die Folge ist eine Insulinresistenz, welche wiederum das Auftreten von Diabetes (Typ2) und Adipositas entscheidend beeinflusst.
Dickmacher aus dem Darm ? Gibt es gute und schlechte Verwerter?
Im Darm leben mehr Bakterien, als der Mensch Zellen hat. Etwa 40.000 unterschiedliche Spezies existieren und werden unter dem Begriff Darmflora zusammen gefaßt.
Neuere Untersuchungen zeigen, dass es zu einer engen Wechselwirkung zwischen Zellen der Darmschleimhaut und der Darmflora kommt. So erzeugen sogenannte Paneth‘sche Körnerzellen körpereigene Proteine (Defensine), die ähnlich wie Antibiotika die Darmflora beeinflussen können. Auch Bakterien können Botenstoffe absondern, die die Darmzellen ihnen gegenüber wohlgesonnen machen sollen.
Die in der Darmschleimhaut ablaufenden Prozesse sind sehr komplex und die individuelle Flora ist sehr unterschiedlich. So existiert schon lange die Vermutung, dass manche Bakterien Ballaststoffe, die durch ihre Unverdaubarkeit eigentlich keinen Beitrag zur Energiezufuhr leisten, zersetzen können. Es ist mittlerweile belegt, dass gewisse Bakterienstämme Ballaststoffe zu Fettsäuren abbauen können, die in der Folge resorbiert werden und damit zusätzliche Kalorien liefern können. Durch diese Theorie könnten sich beispielsweise gute und schlechte Verwerter erklären, ein therapeutisch effektiver Ansatz fehlt bislang allerdings auch hier.
Die Natur meinte es schließlich mit den guten Futterverwerter gut – aus wenig Nahrung möglichst viel Energie ziehen – eine Grundvoraussetzung des Überlebens in Mangelzeiten. In Zeiten des Überflusses, wie sie derzeit in Europa besteht, begünstigt dies jedoch die Ansammlung der ungeliebten Fettpolster… das Erbe der Menschheitsgeschichte lastet also schwer auf den Knochen so mancher.
Die oben genannten Faktoren tragen in der täglichen Energiedifferenz mitunter nur wenige Kalorien bei. Sind diese aber ein stetiger und vom Körper nicht direkt kompensierbarer Effekt, können über das Jahr gesehen schnell 2-5 Kilo Fett (bei 50 bzw. 100 Kalorien zus. pro Tag) zusätzlich entstehen.
Lesen Sie mehr hierzu in unserem abschliessenden Beitrag, welche Konsequenzen denn nun beim jetzigen Stand des Wissens gezogen werden können.
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